Gewerkschaften können Betriebe lahmlegen, Lohnerhöhungen erzwingen und den Unternehmern ihre Grenzen aufzeigen. Gleichzeitig sitzen ihre Spitzen mit Regierung und Kapital an Verhandlungstischen, beschwören die Sozialpartnerschaft und verteidigen die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
Dieser Widerspruch prägt die Geschichte und Gegenwart der deutschen Gewerkschaften. Sie sind Organisationen der Arbeiter und zugleich tief in die wirtschaftliche und politische Ordnung der Bundesrepublik eingebunden. Auch international stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis die Solidarität der Beschäftigten zu den außenwirtschaftlichen und politischen Interessen Deutschlands steht – und welche Rolle der DGB dabei spielt.
Was bedeutet dieser widersprüchliche Charakter für diejenigen, die Gewerkschaften als Instrument gesellschaftlicher Veränderung begreifen? Wo liegen die Grenzen gewerkschaftlicher Gegenmacht, und wie können sie überwunden werden?
Wir wollen dabei eine strategische Frage in den Mittelpunkt stellen: Beginnt die Erneuerung der Gewerkschaften mit dem Kampf um ihre Führung – oder mit dem Aufbau kämpferischer Strukturen in den Betrieben?
Ausgehend von den Erfahrungen des betrieblichen Organizing, wollen wir diskutieren, wie Beschäftigte ihre eigene Handlungsfähigkeit entwickeln, dauerhafte Organisierung aufbauen und damit auch die Kräfteverhältnisse innerhalb der Gewerkschaften verändern können – oder ob dieser Weg versperrt ist und was dies für unsere Arbeit bedeuten würde. Spoiler: wir glauben „mal so, mal so…“. Letztlich entscheidet sich die Frage gewerkschaftlicher Gegenmacht dort, wo die Beschäftigten selbst in den Konflikt mit dem Kapital treten.
