Am Abend des 22. Oktober 1943 zerstörte ein britischer Luftangriff große Teile Kassels, um dem Krieg der Faschisten den Nachschub mit Kriegsmaterial zu nehmen. Die Kriegsindustrie hatte die Stadt zum Ziel gemacht; die große Mehrheit der Bewohner:innen waren dem schutzlos ausgeliefert. Es sei denn: Sie waren selbst wichtig für den Krieg. Heute wird Nordhessen erneut unter großem politischem und wirtschaftlichem Aufwand zum Standort militärischer Produktion, Logistik und Forschung ausgebaut. Und obwohl es gute Gründe gäbe, in den Schutz von Menschen zu investieren, wächst die Kriegsfähigkeit und nicht der Schutz vor Autoritarismus und Klimakatastrophe.
Transformation für Krieg und Genozid
Kassel wurde Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zur Stadt der Kriegswirtschaft. Schon 1933 erhielt Henschel einen Entwicklungsauftrag für ein gepanzertes Kettenfahrzeug, 1934 lief die Fertigung des Panzerkampfwagens I an. Fieseler wuchs zu einem wichtigen Betrieb der Flugzeugproduktion heran. Die 1936 gegründete Henschel Flugmotoren nahm 1937 in Altenbauna die Produktion auf. 1939 baute Henschel unter anderem kriegswichtige Lokomotiven, schwere und mittlere Lastwagen und Panzer. Wegmann, Credé, Junkers beziehungsweise die Mitteldeutschen Motorenwerke und weitere Betriebe fügten sich in dieses industrielle Geflecht. Seit 1942 lief bei Henschel der Tiger in Serie vom Band. Aus Fertigungssicht: ein geradezu hektischer, atemberaubender Aufzug.
Damit war Kassel ein kriegsentscheidender Standort. Die vorhandene Industrie, die Verkehrsanbindungen, die Ballung der Betriebe, machten Kassel zu einem Ziel von hohem strategischem Rang.
Seit 1942 richtete sich die allgemeine Doktrin des Bomber Command ausdrücklich auch gegen die Moral der deutschen Zivilbevölkerung, vor allem gegen die Industriearbeiterschaft. Angegriffen wurde die gesamte Innenstadtfläche, auf der Produktion, Verkehr, Wohnhäuser und das Leben der Industriearbeiter:innen eng beieinanderlagen. Sie sollten die treffen die diese Kriegsmaschinerie am Laufen hielten.
Um 20:17 Uhr heulen in Kassel die Sirenen. Für die Kasseler:innen ist klar, was zu tun ist: ab in den Keller, seltener in einen Bunker. Der Bunker bleibt den „wichtigen“ Menschen vorbehalten. Keller werden schneller zur Todesfalle, keine Technik, die einen vor Feuer und Rauch schützen wird. Der Angriff konzentriert und auf die dicht bebaute Stadt.
Zweiundzwanzig Minuten
Zwischen 20:49 und 21:11 Uhr fällt ein großer Teil der Bomben. Ein Feuersturm entsteht. Die Stadt brennt.
Kassel erinnert sich an diesen Tag meist als Tag seiner Zerstörung. Das ist verständlich für diejenigen, die es miterlebten und überlebten. Politisch wurde dieses Schicksal Jahre vorher entschieden. Ihr gingen die deutsche Kriegsproduktion und Vorbereitung voraus, der Angriffskrieg, die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik und der Ausbau Kassels zu einem bedeutenden Standort der Kriegswirtschaft. In den Fabriken arbeiteten neben deutschen Beschäftigten Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangene. Ihr Leben wurde für den Krieg ausgepresst und vernichtet. Die Unterkünfte, in die man sie steckte, waren die ungeschütztesten. Sie waren im Zweifel austauschbar, hatten keinerlei Wert für das System, blieben schutzlos.
569 Flugzeuge wurden losgeschickt. Nicht jedes erreichte das Zielt. Auf Kassel fielen nach der britischen Gesamtaufstellung 826 Tonnen Sprengbomben und 998 Tonnen Brandbomben, zusammen 1.824 Tonnen. Im eng bebauten Stadtgebiet entwickelte sich ein Feuersturm.
43 Flugzeuge kehrten nicht zurück, 25 Halifax und 18 Lancaster, rund 7,6 Prozent der 569 entsandten Maschinen. Das war noch eine “gute” Verlustquote für die RAF (Royal Air Force – Britische Luftwaffe) -die Verpflichtung, eine gewisse Zahl von diesen Einsätzen zu fliegen, führt insgesamt zu einem erheblichen Risiko für die Flugzeugbesatzungen, den Krieg nicht zu überleben. Diese Zahlen zeigen, mit welcher organisatorischen und materiellen Wucht der Angriff gebündelt war.
Zehntausend Plätze für eine Großstadt
Zu diesem Zeitpunkt zählte Kassel noch 225.694 Einwohner:innen. Eine lokalhistorische Zusammenstellung, verzeichnet für dieses Jahr zehn öffentliche Bunker mit zusammen 10.430 Sollplätzen. Rechnerisch sind das 4,62 Prozent der amtlichen Bevölkerung. Zwei dieser Anlagen mit zusammen 960 Plätzen waren vorrangig Krankenhäusern zugeordnet; ohne sie bleiben 9.470 Plätze, rund 4,20 Prozent.
Die große Mehrheit war auf Luftschutzkeller in Wohnhäusern angewiesen, auf Sammelschutzräume, Kellerdurchbrüche und Anlagen in den Betrieben. Ein Kellerplatz war kein Bunkerplatz, und eine Kapazität auf dem Papier war oft nicht mehr als psychologische Beruhigung – wirklichen Schutz boten sie nicht. Eine behördlich festgelegte Regel, nach der fünf, sieben oder zehn Prozent der Bevölkerung in Bunkern geschützt werden sollten, für Kassel gab es nicht.
Am Weinberg lässt sich ablesen, wie weit Planung, tatsächliche Belegung und Schutzwirkung auseinanderklafften. Die Anlage war auf ungefähr 3.000 Plätze ausgelegt. In der Bombennacht suchten dort mehr als 10.000 Menschen Schutz, mehr als dreimal so viele wie vorgesehen; reguläre Plätze gab es für die meisten von ihnen nicht.
Diese Anlagen zu erreichen war also keine Garantie, auch Schutz zu finden. Der Bahnhofsbunker und der Bunker am Karlshospital mussten mitten im Großangriff wegen Sauerstoffmangels geräumt werden. Menschen mussten den Ort, an den sie sich eben erst gerettet hatten, wieder verlassen, hinaus in die Gefahr, vor der sie dorthin geflohen waren.
Hinter dem Wort „Schutzplatz“ verbargen sich also höchst verschiedene Wirklichkeiten. In den gewöhnlichen Luftschutzkellern hing das Überleben am baulichen Zustand und an den Fluchtwegen. Wo Durchbrüche benachbarte Keller verbanden, konnten Menschen aus brennenden Häuserzeilen entkommen. Viele Keller wurden durch Hitze, Rauch, Kohlenmonoxid oder verschüttete Ausgänge zu Todesfallen.
Platzkarten und Baracken
Wie gut jemand geschützt war, hing also nicht einmal davon ab, wie weit er vom nächsten Bunker entfernt wohnte. Zum Teil sollten Platzkarten den Zugang regeln – praktisch war das aber eine Absurdität. Kein Bunkerwart, der beim Luftangriff zum Befehlshaber wurde, bewaffnet und mit allen Befugnissen, um „die Ordnung“ abzusichern, konnte dies ernsthaft im panischen Chaos kontrollieren. Der Zugang war an Institutionen gebunden. Die kriegswichtige Reichsbahn hatte einen eigenen Bunker. Angeschlossene Betriebe, Krankenhäuser, Reichsbahn, Reichspost und Verwaltungen erhielten früher als die „normale“ Bevölkerung Luftlagemeldungen. Werksanlagen waren für die Belegschaften vorgesehen, teils sollten sie auch Anwohner:innen beherbergen.
Wo jemand arbeitete, welche Funktion ein Mensch für die Faschisten hatte, entschied an welchem Warnweg er hing, entschied darüber, wann er von der Gefahr erfuhr und welcher Raum für ihn erreichbar war. Besonders gefährdet waren die Menschen in den Barackenlagern der Zwangsarbeit. Solche Unterkünfte brannten wie Zunder. Das Henschel-Wohnlager Mittelfeld brannte beim Oktoberangriff weitgehend nieder. Die Summe der gesellschaftlichen Zurichtung teilte die Stadt in Geschützte und Ungeschützte.
Der Krieg hatte Vorsprung
In Kassel gab es seit 1937 bauliche und organisatorische Luftschutzmaßnahmen. Nach den Angriffen von 1940 begann ein größerer Bunkerbau, 1941 wurde er nochmal organisatorisch ausgeweitet. 1942 ging der Weinberg als große Schutzanlage in Betrieb. 1943 begann Henschel mit größeren Stollensystemen, nachdem sich die Werkstattkeller als unzureichend erwiesen hatten.
Die Reihenfolge zeigt die Verachtung gegenüber der eigenen Bevölkerung. Erst wurde der Krieg industriell vorbereitet, erst als es unumgänglich wurde begann der breiter angelegte Schutzbau. Kriegsproduktion und Bevölkerungsschutz waren und sind nie dasselbe Projekt, so oft Politiker:innen die Kriegsvorbereitung auch zur Sicherheitspolitik erklären. Das eine war und ist Voraussetzung der deutschen Kriegführung und des Profits an Leid und Tod. Das andere läuft einer Gefahr hinterher, die eben diese Politik überhaupt erst geschaffen hat. Volle Auftragsbücher schützen niemanden, der neben den Werkhallen wohnt.
Linke Debatten zur Taktik des Flächenbombardements
Die Debatte unter Sozialist:innen verlief anders, als man heute vielleicht erwarten würde. Schon während des Krieges kritisierten britische Sozialist:innen und deutsche Exilant:innen die Flächenbombardierung deutscher Städte, ohne den notwendigen militärischen Sieg über den Nationalsozialismus infrage zu stellen.
Nach dem Krieg verschob sich diese Debatte. Aus dem berechtigten Kampf gegen die deutsche Täter-Opfer-Umkehr wuchs in Teilen eines vermeintlich linken Milieus eine rechte, menschenverachtende Zuspitzung heran, bis hin zur Parole „Bomber Harris, do it again“. Mit sozialistischer Politik hat das nichts mehr zu tun.
Teile der Linken verloren dauerhaft und nachhaltig jeden Kompass in der Klassenfrage und stellten eine tief empfundene “deutsche Schuld” in den Vordergrund ihrer Betrachtung, gingen damit selbst der faschistischen “Volksgemeinschaft” auf dem Leim, statt über dieses absurde Konstrukt aufzuklären und die Klasseninteressen aufzudecken.
Das wiederum wurde der ideologische Boden, um in diesem Milieu rassistische Deutungsmuster zu etablieren und am Ende “linke” Basis für die merkelsche Staatsräson zu sein: sie standen wirklich bedingungslos für Israel. Heute sind sie zum Glück nur noch ein Randphänomen, das sich der CDU oftmals näher fühlt als der Die Linke.
Wahr bleibt: In der Logik des Krieges wird das Leid immer nach unten durchgereicht, Stufe um Stufe, bis es bei denen ankommt, die die geringsten Mittel haben, sich zu schützen, und deren Leben im Verwertungssystem des Krieges am wenigsten zählt. Das ist Alltag im Kapitalismus, aber im Krieg wird diese Hierarchie des Leids zum Todesurteil.
Sozialistische Politik steht gegen Krieg und Aufrüstung und zielt auf die Organisierung von Schutz ab: für jene, die nicht entscheiden, wo Betriebe der Kriegsproduktion gebaut, militärische Infrastruktur konzentriert und strategische Ziele geschaffen werden.
Kassel 2026: Hochlauf
Heute fahren KNDS und Rheinmetall ihre Produktion in Kassel wieder hoch. Kassel 2026 will es nochmal wissen: Wer mitten im dicht bewohnten Stadtgebiet neue militärisch relevante Infrastruktur schafft, wie auf dem Henschel-Areal, schafft neue Gefahren für die Menschen, die dort leben. Kommunalpolitiker werden zu Gefährdern, wenn sie sich dieser Entwicklung nicht entgegenstellen, sondern noch befördern und schönreden.
Kassel 1943, als industrielle Basis des Vernichtungskriegs, ist nicht das Kassel des Jahres 2026. Deutschland führt keinen Vernichtungsfeldzug, profitiert aber schon wieder von Kriegen und Genoziden und will dieses Geschäft ausbauen. Was bleibt schon, wenn die Automobilindustrie den Aktionären nicht mehr genug aus den Kolleg:innen herauspresst und täglich die Angst geschürt wird, dass Russland 2029 die NATO angreifen will?
KNDS entwickelt und produziert hier Turm- und Systemkomponenten, unter anderem für den Leopard 2A8 und die RCH 155. Die Logistik- und Büroflächen werden erweitert und Rheinmetall und KNDS erweitern ihren Standort hier Jahr für Jahr. Im August 2026 gab Rheinmetall rund 2.200 Beschäftigte an, investiert in das Werk und will die Fahrzeugproduktion bis 2029 deutlich steigern. Der Hochlauf selbst ist schon jetzt real und sichtbar.
Aber es geht um weit mehr als ein paar sichtbare Werke. PSM, das Gemeinschaftsunternehmen von KNDS und Rheinmetall für das Puma-Programm, hat seinen Sitz in Kassel. Mit EuroPULS haben KNDS und Elbit ein neues Gemeinschaftsunternehmen mit Hauptsitz in Kassel geschaffen, um auch jede Möglichkeit zu nutzen aus dem Genozid in Gaza noch Profit zu saugen.
Im Hiddeser Feld bei Breuna entsteht ein rund 40.000 Quadratmeter großes Logistikzentrum von HENSOLDT/ESG, große Teile davon für die Ersatzteillogistik der Bundeswehr und die HIL.
In Calden arbeitet Airbus Helicopters Technik. Dazu kommen regionale Mittelständler und Dienstleister. Eine Region wird für die Kriegsproduktion umstrukturiert.
Das Land stellt öffentliche Unterstützung, der Oberbürgermeister flankiert die Entwicklung als “Erfolgsgeschichte”. Wir brauchen keinen geheimen Masterplan zu vermuten, um darin die Strategie zu erkennen. Militärische Nachfrage soll die Wachstumschance für die Region sein. Leid wird zur ökonomischen Grundlage der ökonomischen Existenz.
Rothenditmold
An der Wolfhager Straße kann man zusehen, wie diese Entwicklung in die Stadtplanung hineinwirkt. Auf dem historischen Henschel-Areal entsteht zwar keine neue Panzerfabrik und doch weitet sich die Panzerproduktion aus. Das Gelände wird städtebaulich neu geordnet. Das bestehende, angrenzende KNDS-Werk, schreibt seine Expansion bereits in die Pläne ein.
Eine eigenständige bauliche Zivilschutzplanung sucht man in der umfangreichen veröffentlichten Begründung des Bebauungsplans dagegen vergeblich. Fragen dazu werden als Panikmache abgetan und die Zuständigkeit geleugnet. Stellplatzbedarf und Verkehrsfolgen des expandierenden Kriegsindustriebetriebs werden aber scheinbar minutiös, berechnet und in Beton gegossen. Mehr Verkehr, weniger Aufenthaltsqualität, eine Festsetzung der Unterversorgung und immer steigende Belastungen für den Stadtteil: all das muss sein, will Kassel sich doch wieder als Hochburg der Kriegsmaschine etablieren.
An diesem Ort stehen sich die beiden Zeiten unmittelbar gegenüber. Das frühere Henschel-Gelände trägt die Geschichte der Kasseler Kriegsindustrie in sich, und wieder richtet die Stadt ihre Planung nach dem Wachstum militärischer Produktion aus.
Zivilschutz? Katastrophenschutz?
Kassel hat einen Bevölkerungsschutz. Berufsfeuerwehr und Katastrophenschutz, Hilfsorganisationen, Krisenmanagement, Sirenen, NINA und Cell Broadcast gibt es wirklich. Aber all das in einem Maße, das schon nicht die absehbaren Folgen der Klimakatastrophe abfedern kann.
Der bauliche Bevölkerungsschutz ist bundesweit nochmal dramatischer aufgestellt: Bundesweit gibt es noch 579 gewidmete öffentliche Schutzräume mit 477.593 nominellen Plätzen. Nach Auskunft der Bundesregierung sind diese Anlagen weder funktions- noch einsatzbereit. Die Zahl der Plätze bundesweit: 0.
2007 beschlossen Bund und Länder, die Anlagen nicht länger funktionsfähig zu halten und sie nach und nach zu entwidmen. 2022 wurde die weitere Rückabwicklung gestoppt und eine Bestandsaufnahme begonnen. Ein einsatzbereites neues System gibt es nicht. Für Kassel gilt: Alle neun ehemals vorhandenen öffentlichen Schutzräume waren 2018 aus der Zivilschutzbindung entlassen.
Zwei Entwicklungen stehen nebeneinander, die auf ganz verschiedenem Stand sind. Der Ausbau der Kriegsindustrie ist für alle sichtbare Realität. Der Schutz, sowohl vor den Folgen der Kriegspolitik, aber auch der umfassenden Klimakatastrophe, wird in Bestandsaufnahme, Konzeptentwicklung und dezentraler Neuplanung ausgebremst und ad acta gelegt.
Auf der einen Seite werden Millioneninvestitionen angekündigt und Produktionsziele gesetzt. Auf der anderen Seite gibt es scheinbar noch nicht mal eine Idee davon, in welchen Zeiten wir leben, selbst wenn sich die Stadt der autoritären Wende und dem Kriegskurs verweigern und sich auf die Folgen der Krisen in der Region fokussieren würde.
Durch diese politische Priorität erkennen wir warum was, wann, wo verbindlich wird, vorangetrieben oder schleifen gelassen wird. Wo werden Flächen festgelegt, Meilensteine abgesichert, Leute eingestellt, Lieferketten aufgebaut und bauliche Folgen geplant? Und wo bleiben Zielgröße, Kapazität und Zugang offen?
Schutz darf kein Privileg sein
Sozialistische Sicherheitspolitik ringt vielfältig mit Missverständnissen. Friedliebend zu sein, dem Krieg entgegenzuarbeiten, hieß noch nie, sich naiv zu verhalten und sich nicht gegen Autoritäten und Katastrophen zu wappnen. Es gibt viel zu tun in Kassel. Auch ohne sich zur potentiellen Zielscheibe zu machen, wie der Oberbürgermeister Sven Schoeller von den Grünen oder Bachmann von der SPD forcieren, muss sich die Region kommenden Krisen stellen. Die Klimakatastrophe alleine, ohne die Gefahren des Autoritarismus, wäre Grund genug, die Region intensiv und von Grund auf in ihrem Funktionieren zu transformieren.
Aber das scheint mit der „Zeitenwende“ verflogen zu sein. Die Zeichen stehen auf Krieg, als wäre es nicht schwer genug.
Die Kriegsproduktion hochzufahren lässt sich mit der Geschichte durch nichts rechtfertigen – auch ist unsere Konsequenz nicht, auf mehr Bunkerplätze für den „Ernstfall“ hinzuwirken. Aber dass die Gefährder heute dieses Risiko in ihren Planungen derart ausblenden, zeigt, worum es ihnen eigentlich geht: am Verbrechen noch verdienen.
Wer Waffen produziert, militärische Logistik ausbaut und ganze Regionen nach den Bedürfnissen der Kriegsindustrie formt, schützt niemanden vor dem Krieg, sondern provoziert, mitten hineingezogen zu werden. Eine Gesellschaft, die Sicherheit ernst nimmt, muss die Ursachen von Krieg, Aufrüstung und imperialer Konkurrenz bekämpfen. Eine antimilitaristische Haltung schätzt den materiellen Schutz der Menschen eben nicht gering.
Was Kassel schon wissen kann
Kassel steht heute an einem Punkt, an dem sich politische und wirtschaftliche Entscheidungen räumlich verdichten. KNDS und Rheinmetall fahren ihre Produktion hoch. In Calden werden Logistik- und Drohneninfrastruktur geplant. Regionale Institutionen organisieren Lieferketten, Flächen und Verflechtungen. Am Henschel-Areal passt sich die Stadtplanung bereits an zusätzliche Fahrten, Schichten und Lärm an und eskaliert die Situation in einem schon drangsalierten Wohngebiet. Militärische Produktion und Infrastruktur wachsen in Kassel damit schneller, konkreter und kapitalintensiver als der öffentlich dokumentierte bauliche Schutz der Bevölkerung.
Kassel weiss, dass die Fähigkeit, Krieg zu führen, und die Fähigkeit, Menschen vor dem Krieg zu schützen, zwei verschiedene Dinge sind. Die Stadt hat das schon einmal erfahren, in einer Oktobernacht, in zweiundzwanzig Minuten. Offen ist nur, ob daraus heute politische Konsequenzen gezogen werden.
22.10.2026
Quellen und weiterführende Materialien
Kassel 1933–1943: Industrie, Angriff, Luftschutz
- Stadt Kassel: Chronik 1933–1945 — Kriegsproduktion, Zwangsarbeit und Luftangriffe
- Universität Kassel: Untersuchung zur Henschel-Geschichte — Henschel, Zwangsarbeit und Werksluftschutz
- LAGIS Hessen: Luftkrieg und Flächenbombardierung — Strategie gegen die zivile Industriearbeiterschaft
- RAF Bomber Command: Quarterly Review Nr. 7 (1943) — Originalbilanz zu Bombenlast und Verlusten
- International Bomber Command Centre: Operational Record — Zeitgenössische Einsatzplanung und Zielmarkierung
- HNA/Dettmar: „60 Jahre Bombennacht“ (2003) — Bunkerplätze, Platzkarten und Sauerstoffmangel
- Stadt Kassel: Führungen im Weinbergbunker — Umbau und Zuflucht im Weinberg
- Stadtarchiv Kassel: Ludwig Kessler — Fotografien und Baugeschichte des Luftschutzes
- Hessisches Landesarchiv: Archivnachrichten 2/2025 — Archivbefunde zu Bunkern und Stollen
Flächenbombardierung: historische und politische Debatten
- Britisches Unterhaus: „Bombing Policy“ (27. Mai 1943) — Zeitgenössische Kritik im britischen Parlament
- taz/Felix Lee: Die Antideutschen – Spaltpilze und Lehrmeister (2009) — Bomber-Harris-Parole und Hinwendung zur Kriegspolitik
Kassel und Nordhessen 2026: Industrie und Stadtplanung
- KNDS: Produktionshochlauf in Kassel (21. Juli 2026) — Kasseler Turmsysteme und Produktionshochlauf
- Rheinmetall: Defence-Hub Nordhessen (27. August 2026) — Werksausbau, Beschäftigung und Standort Calden
- KNDS: Gründung des Unternehmens EuroPULS (2026) — Elbit-KNDS-Gemeinschaftsunternehmen mit Hauptsitz Kassel
- PSM GmbH: Unternehmen und Standort — Puma-Gemeinschaftsunternehmen und Kasseler Firmensitz
- Europäische Sicherheit & Technik: HENSOLDT in Wolfhagen — Ersatzteillogistik der Bundeswehr bei Breuna
- Stadt Kassel: Bebauungsplan V/20 „Henschel-Areal“ — Planunterlagen, Verkehrsfolgen und Schallgutachten
- Land Hessen: Drohnenkompetenzzentrum am Kassel Airport — Drohnenkompetenzzentrum und öffentliche Förderung
Bevölkerungsschutz: Bestand und Zuständigkeiten
- Magistrat Kassel: Antwort zu Bunkern (2018) — Alle neun Kasseler Schutzräume entwidmet
- Deutscher Bundestag: Öffentliche Schutzräume (17. Juli 2026) — Schutzraumbestand und künftiger dezentraler Ansatz
