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„Wir wollen diese Branche“

Kai Georg Bachmann ist ein Treiber des Umbaus Nordhessens für die Kriegsindustrie. Als Landrat will er künftig selbst politische Rahmenbedingungen setzen. Am 25. September hat ihn die SPD als Kandidaten gewählt – für ein Programm, das Nordhessens industrielle Zukunft an Krieg und Aufrüstung bindet. Ganz im Sinn des historisch so tödlichen SPD-Dogmas, an jedem Krieg wenigstens mitverdienen zu wollen.

Krieg und die Gefahr weiterer Eskalation bestimmen die politische Debatte. Kai Georg Bachmann sieht darin ein Zukunftsgeschäft für Nordhessen. Die Kriegsindustrie soll zum Wachstumsmodell des Landkreises Kassel werden. Als ehemaliger Rüstungsstabsoffizier, Bürgermeister, Regionalplaner und heutiger Geschäftsführer des Regionalmanagements kennt er die Wege zwischen Bundeswehr, Unternehmen, Kommunen und Landesregierung. Er hat Kontakte, Standorte und wirtschaftliche Interessen zusammengeführt, um die Region für Aufrüstung und militärische Produktion auszurichten.

Nächste Stufe: Landratsamt. Dort würde er die Kreisverwaltung führen, Beschlüsse vorbereiten und über die Beteiligungen des Landkreises größeren Einfluss auf Infrastruktur und Wirtschaftsförderung erhalten.

Ein Kandidat bekennt sich zur Kriegsindustrie

„Wir wollen diese Branche im Landkreis Kassel.“ Sonst, so Bachmann, verliere die Region Beschäftigungs- und Wachstumschancen für die kommenden Jahrzehnte. Der SPD-Kreisvorstand schlug ihn für die Landratswahl vor; am 25. September hat die SPD seine Kandidatur beschlossen.

Bachmann ist ein Macher und Opportunist; er wartet nicht auf bundespolitische Entscheidungen, sondern schwimmt mit dem Strom. Und die Zeichen der Zeit stehen auf Krieg und Zerstörung. Er will mit dem Landkreis vorne dran sein und legt sich darauf fest, dass Aufrüstung und militärische Produktion Nordhessen über Jahrzehnte prägen. Der Landkreis soll Flächen, Infrastruktur, Verwaltung und Wirtschaftsförderung konsequent so ausrichten, dass Unternehmen der Kriegsindustrie investieren und expandieren können. Warum ihn das Landratsamt reizt: Er wolle auf jene Seite des Tisches wechseln, auf der die Rahmenbedingungen für die Zukunft der Menschen im Landkreis maßgeblich gestaltet werden.

Seit August 2021 führt Bachmann das Regionalmanagement Nordhessen. Schon zu seinem Amtsantritt beschrieb er dessen Arbeitsweise ungewöhnlich deutlich: Dort liefen viele Fäden zusammen; das Regionalmanagement moderiere Prozesse und treibe sie voran. Er wollte regionale Institutionen für eine gemeinsame Richtung gewinnen und die verschiedenen Arbeitsfelder einer Gesamtstrategie unterordnen. Damals formulierte er die Methode. Seit 2025 setzt er sie für den Ausbau der Kriegsindustrie ein. HNA-Interview vom 31. August 2021

Seine Laufbahn verschafft ihm die dafür nötigen Kenntnisse und Zugänge. Bachmann war Berufsoffizier, studierte Elektrotechnik an der Universität der Bundeswehr und arbeitete unter anderem als Kompaniechef, Rüstungsstabsoffizier und Lehrstabsoffizier. Als Bürgermeister in Trendelburg und Direktor des Zweckverbands Raum Kassel lernte er kommunale Verwaltung, regionale Flächenplanung und Wirtschaftsförderung kennen. Er kennt die Apparate, die für den Umbau Nordhessens zusammenarbeiten müssen.

Vom sicherheitspolitischen Abend zum Standortprogramm

Im Oktober 2025 veranstaltete Pro Nordhessen, selbst Gesellschafter des Regionalmanagements, den Abend „Nordhessen im Wandel: Sicherheit und Perspektiven in einer neuen Weltordnung“. Rund 120 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kirchen und Bundeswehr nahmen teil. Nach Vorträgen über Bedrohungen, Wehrfähigkeit und Nordhessen als mögliche NATO-Drehscheibe zog Bachmann wirtschaftspolitisch Bilanz: Für die Region entstünden Chancen durch den Ausbau der Infrastruktur, durch Wachstum und Beschäftigung sowie durch die Nutzung regionaler Kompetenzen in Wirtschaft und Wissenschaft. Regionalmanagement Nordhessen, 29. Oktober 2025

Am 16. April 2026 folgte der Parlamentarische Nordhessenabend in der hessischen Landesvertretung in Berlin. Das Regionalmanagement präsentierte die Region unter dem Leitmotiv „NordHessen stark: Nordhessens Beitrag für Deutschlands Sicherheit“. Gemeint waren die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr, militärisch nutzbare Technologien und belastbare Lieferketten für die Kriegsindustrie. Zivilschutz und Schutz vor den Folgen der Klimakatastrophe spielten an diesem Abend keine vergleichbare Rolle.

Vertreter aus Bundes- und Landespolitik, Bundeswehr, Unternehmen, Wissenschaft und Verbänden diskutierten über Einsatzbereitschaft, militärisch nutzbare Technologien und industrielle Lieferketten. Der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Sebastian Hartmann, erklärte regionale Technologie- und Industriecluster für unverzichtbar für die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr. Beteiligt waren unter anderem KNDS, Rheinmetall, SMA, Micromata, BME und Fachgebiete der Universität Kassel. Regionalmanagement Nordhessen, 20. April 2026

Im Juni legten Bachmann und Caldens Bürgermeister Maik Mackewitz nach. Sie warben für einen Technologieverbund, der an das Innovationszentrum der Bundeswehr angelehnt werden könne. Calden sollte Flughafen, Gewerbeflächen, Logistik, Wartung sowie Test- und Erprobungsmöglichkeiten einbringen. Schwarzenborn ergänzte dieses Angebot durch einen etwa 1.800 Hektar großen militärischen Sicherheitsbereich. Kassel, Neuental, Schwalmstadt, Neu-Eichenberg und Hessisch Lichtenau sollten über Gewerbe- und Logistikflächen angeschlossen werden. Die Netzwerke des Regionalmanagements sollten diese Standorte verbinden. HNA, 5. Juni 2026

Noch vor der Ankündigung der Rheinmetall-Investition lag damit ein regionales Angebot vor: militärisch nutzbare Flächen, ein öffentlich finanzierter Flughafen, Bundeswehrstandorte, industrielle Produktion, Forschung und eine Stelle, die daraus ein gemeinsames Standortprojekt machte.

Wie das Regionalmanagement Macht ausübt

Das Regionalmanagement ist eine öffentlich-private Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Die Fördergesellschaft Nordhessen hält 50 Prozent, die IHK Kassel-Marburg 30 Prozent, die Handwerkskammer 15 Prozent und Pro Nordhessen fünf Prozent. Hinter der Fördergesellschaft stehen die Stadt Kassel und die fünf nordhessischen Landkreise. Das Land Hessen beteiligt sich an der Finanzierung und an strategischen Förderprojekten. Regionalmanagement Nordhessen, Gesellschafterstruktur

Diese Konstruktion bringt kommunale Politik, Kammern, Unternehmen und Landesregierung dauerhaft zusammen. Das Regionalmanagement vermarktet Standorte, entwickelt Projekte, organisiert Unternehmensnetzwerke und stimmt wirtschaftspolitische Vorhaben über Kreisgrenzen hinweg ab. Es bewilligt keine Landesmittel und erteilt keine Baugenehmigungen. Seine Arbeit setzt früher an: Es sucht geeignete Flächen und Partner, organisiert Gespräche, formuliert gemeinsame Ziele und schnürt aus einzelnen Interessen ein Standortprojekt. Wenn ein Vorhaben später in Parlamenten und Verwaltungen ankommt, stehen Beteiligte, Investitionsversprechen und öffentliche Erzählung bereits. Gewählte Gremien entscheiden über ein Paket, das andere vorbereitet haben.

Bachmann beschreibt den im August verkündeten „Defence Hub Nordhessen“ selbst als Ergebnis dieser Arbeit. Nach Bekanntgabe der Rheinmetall-Investition erklärte er, das Regionalmanagement habe gemeinsam mit Staatskanzlei und Wirtschaftsministerium das Ziel verfolgt, Nordhessen zum Standort eines Technologiehubs für die sogenannte „Sicherheits- und Verteidigungsindustrie“ zu entwickeln. Die Entscheidung von Rheinmetall mache dieses Ziel greifbarer. HNA, 29. August 2026

Auch die nächste Ausbaustufe ist angekündigt. Im Dezember sollen in Kassel Bundeswehr, große Unternehmen, Einkauf und Logistik mit möglichen Zulieferern zusammenkommen. Das beworbene Netzwerktreffen will neue Lieferanten aus Automobilindustrie und Maschinenbau identifizieren, in die Lieferketten integrieren und vorhandene Kapazitäten stärker auslasten. Das Regionalmanagement hilft damit, zivile Betriebe, Fachkräfte und Maschinen für militärische Produktion verfügbar zu machen. Regionalmanagement Nordhessen, 2. September 2026

Das soziale Versprechen der Aufrüstung

Für Beschäftigte in einer Region, deren Automobil- und Maschinenbauindustrie unter Veränderungsdruck steht, wecken Investitionsversprechen die Hoffnung auf sichere Arbeit. Ein qualifizierter, tariflich bezahlter Arbeitsplatz sichert Einkommen, Wohnung und Lebensplanung. Bachmanns Angebot bindet diese Sicherheit an Aufrüstung und militärische Großaufträge. Eine Industriepolitik, die Produktion auf Klimaschutz, Versorgung und gesellschaftlichen Bedarf ausrichtet, verschwindet aus dem Blick. Krieg, Leid und Zerstörung erscheinen als verlässlichstes Geschäft. Finanzielle Sicherheit an die Aufrüstung binden – darauf läuft dieses Programm hinaus.

Die Bevölkerung kommt in den Ankündigungen vor allem als Belegschaft vor. Calden soll zur militärischen Drehscheibe werden, Forschung und zivile Betriebe sollen der Kriegsindustrie zuarbeiten. Damit steigt die militärische Bedeutung der Region – und mit ihr das Risiko für die Menschen, die hier leben und arbeiten. Wie sie im Fall einer Eskalation geschützt werden sollen, bleibt in den bisherigen Plänen offen.

Die Versprechen bleiben unpräzise: Wann entstehen die angekündigten mehr als 1.000 Arbeitsplätze? Wie viele davon werden tarifgebunden und dauerhaft sein? Welcher Anteil der Wertschöpfung bleibt in Nordhessen? Die bisher zitierten Ankündigungen nennen auch keine Rückforderungsbedingungen, falls zugesagte Investitionen oder Arbeitsplätze ausbleiben.

Die bestehenden industriellen Kapazitäten sollen möglichst weitgehend eingebunden werden. Das Netzwerktreffen spricht Betriebe aus der Automobilindustrie und dem Maschinenbau an. Sie sollen „Markthürden“ überwinden, ihre Kapazitäten auf militärische Aufträge ausrichten und dauerhaft in militärische Lieferketten eintreten. Die industrielle Krise, die nach öffentlichen Investitionen und gesellschaftlicher Planung verlangt, wird so für einen Umbau im Interesse der Kriegsindustrie genutzt.

„Die andere Seite des Tisches“

Als Landrat würde Bachmann die Kreisverwaltung leiten und den Vorsitz im Kreisausschuss führen. Dort werden Vorlagen für den Kreistag, der Haushalt und Investitionsprogramme vorbereitet; der Kreisausschuss verwaltet außerdem die öffentlichen Einrichtungen, wirtschaftlichen Betriebe und das Vermögen des Landkreises. Der Kreistag fasst die Beschlüsse. Der Landrat bestimmt mit, welche Vorhaben wann und in welcher Form auf den Tisch kommen, und setzt die Beschlüsse mit der Verwaltung um. Landkreis Kassel zum Amt des Landrats, Landkreis Kassel zum Kreisausschuss

Bachmann verweist im Wahlkampf auf 13 Jahre Erfahrung und auf sein Netzwerk in Wirtschaft und Politik. Als Geschäftsführer des Regionalmanagements hat er an dem Standortprogramm gearbeitet, dessen Ausbau er nun zur politischen Haltung des künftigen Landrats erklärt. Im Kreishaus könnte er die Vorhaben aus einer Position heraus begleiten, in der er die Verwaltung führt, den Kreis nach außen vertritt und an Beteiligungen und Investitionsplanungen mitwirkt.

Welche Zukunft

Die Landratswahl ist die nächste politische Etappe dieses Umbaus. Bachmann will von der regionalen Wirtschaftsförderung an die Spitze der Kreisverwaltung wechseln. Mit dem Amt kämen neue Zugänge zu Verwaltung, Infrastruktur, öffentlichen Beteiligungen und Investitionsentscheidungen hinzu.

Zur Wahl steht, welche Produktion politisch gefördert wird. Wohin fließen öffentliche Millionen? Wem dienen Flughafen, Forschung und Gewerbeflächen? Wer verfügt über die industrielle Zukunft Nordhessens? Bachmanns Antwort ist klar: Die Kriegsindustrie soll wachsen, zivile Betriebe sollen in militärische Lieferketten wechseln und die Beschäftigten sollen ihre soziale Sicherheit an Kriegshaushalte und Konzernaufträge binden.

Bachmann verkauft Abhängigkeit als Sicherheit. Calden soll militärische Drehscheibe werden, zivile Betriebe sollen in militärische Lieferketten wechseln, Forschung soll der Kriegsindustrie zuarbeiten. Damit wird Nordhessen immer tiefer in die Aufrüstung eingebaut. Arbeitsplätze hängen am Kriegshaushalt, Infrastruktur an ihrer militärischen Nutzung. Im Kriegsfall wird die Region selbst zum Ziel.

Dass Bachmann mit diesem Programm bislang kaum auf organisierten Widerstand trifft, zeigt unsere Schwäche. Die Auseinandersetzung muss dort geführt werden, wo der Umbau stattfindet: um Arbeitsplätze, Forschung, Flächen, Flughafen und öffentliche Millionen. Sie müssen einer klimafesten zivilen Produktion dienen. Der Kriegsindustrie ist der Zugriff darauf streitig zu machen.

Quellen